Interview mit Michael Görge

„Lebt weiter Karneval!“

Anröchte/Effeln. Die Dinge auf den Kopf zu stellen, gehört seit jeher zu den Kernaufgaben der Narrenzunft. Trotz oder gerade wegen der Pandemie wollen sich die Karnevalisten aus Effeln diesen ureigenen Wesenszug nicht nehmen lassen. Daher folgt nun ein Interview, in dem die Rollen vertauscht sind. Denn wenn in diesem Jahr die offiziellen Veranstaltungen schon ausfallen müssen, kann man diese Gelegenheit bestens nutzen, um einmal eine andere Perspektive auf den Karneval einzunehmen. Und so wurde der „Haus und Hof-Journalist“ des Karnevals in Effeln, Michael Görge, von den Jecken interviewt. Herausgekommen ist eine spannende Sicht auf das bunte Treiben der kleinen Karnevalshochburg an der Haar – und zwar von einem Beobachter, der deren Entwicklung so genau mitverfolgt hat wie kaum ein anderer.

Lieber Michael, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Dass du heute die Fragen beantworten und nicht stellen sollst, soll einerseits natürlich ein kleiner Spaß für die Leserinnen und Leser sein, andererseits sei betont, dass wir damit auch unsere Wertschätzung für deine jahrzehntelange Arbeit ausdrücken möchten und sehr interessiert an deinem Blick auf unseren Karneval sind. Doch zum Einstieg sei natürlich gefragt: Wie geht es dir momentan selbst damit, dass die gesellschaftlichen Termine ausfallen müssen und wie wirkt sich das auf deinen Beruf aus?

Natürlich fehlt etwas, keiner kann etwas machen und die allgemeine Situation kann sich täglich ändern. Insbesondere tun mir momentan im Hinblick auf den Karneval die ehrenamtlichen Leute leid, die sich engagieren und sich Gedanken machen, z. B. der Elferrat, die Garden mit ihren Tänzen und alle Aktiven. Im Herbst hatten viele sicherlich noch Hoffnung, dass doch etwas möglich sein würde. Man merkt mittlerweile deutlich, dass allen das kommunikative Miteinander fehlt.

Und was die Berichterstattung angeht: Die fällt natürlich weg, dafür gibt es keinen Ersatz. Die Situation erinnert mich im Bezug auf den Karneval an den Golfkrieg 1990/91, als der rheinische Karneval vorangegangen ist und seine Veranstaltungen abgesagt hat und auch die hiesigen Karnevalssitzungen und -umzüge entfielen.

Doch nun zum Kernthema des Interviews: Seit wie vielen Jahren begleitest du den Karneval in Effeln bereits journalistisch?

Den begleite ich seit 1982. Ich fing im Mai 1981 beim Patriot an, wo ich seitdem – bis auf einen kurzen Abstecher in die Kreisredaktion – für die Lokalredaktion Anröchte und somit auch für den Karneval in Effeln zuständig bin. Seitdem habe ich maximal vier bis fünf Sitzungen aufgrund von Urlaub oder Krankheit nicht miterlebt.

In der Gemeinde gibt es ja mehrere Karnevalsvereine und -sitzungen. Warum hast du gerade zu unseren Sitzungen und unserer Art des Karnevals so eine enge Bindung?

Ehrlichgesagt, da sich in Effeln starke Einflüsse des Karnevals des JuKa Belecke wiederfinden. Als gebürtiger Belecker kannte ich damals den dortigen Jugendkarneval gut, da ich insbesondere den Karnevalssonntag mit meiner Clique selbst besucht und einige Sitzungen bereits als freier Mitarbeiter bei der Westfalenpost verfolgt habe. Der Effelner Karneval erhielt ja maßgebliche Entwicklungshilfe durch den Belecker Peter Friederizi und dadurch eben auch durch den JuKa.

Welche Momente des Effelner Karnevals sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Es gibt für mich nicht den einen Moment, sondern es ist jedes Jahr ein wiederkehrender: die Inszenierung der Prinzenproklamation. Obwohl ich immer auch schon in den Tagen vor der großen Karnevalssitzung durch meine Berichterstattung ganz nah am Geschehen war, habe ich in all den 38 Jahren nie vorher gewusst, wer Prinz wurde. Erst beim Ausruf des Präsidenten „Prinz erscheine!“ hat sich auch für mich dieses Geheimnis jeweils gelüftet. Und ich habe wirklich häufig gedacht: „Mit dem hast du doch noch gestern oder heute Morgen in der Halle gesprochen.“ Einmal habe ich sogar im Wohnzimmer von „Radkes Anne“, die sich um das Prinzenkostüm kümmerte, den angehenden Prinzen direkt vor diesem interviewt, ohne es zu wissen.

Ansonsten sind mir auch zahlreiche Abende der Vorbereitung in Erinnerung geblieben. Abende, an denen man mal in der Halle vorbeigeschaut hat oder früher in „Karl Hermanns Hühnerstall“ eingeladen wurde und mitfeierte. Aber auch im Elfereck dauerten manche journalistische Gespräche auch mal länger und so entwickelten sich viele persönliche Kontakte.

Was hat sich in den vergangenen 38 Jahren im Effelner Karneval bzw. im Karneval im Allgemeinen aus deiner Sicht geändert?

Früher war der Karneval durch mehr Lokalkolorit geprägt, heute sind es mehr Showelemente und mehr Gesang. Das ist aber vielleicht auch eine gesellschaftliche Entwicklung, denn Wortbeiträge sind überall im Karneval weniger geworden.

Würdest du dir wünschen, dass dies wieder mehr belebt wird?

Es war natürlich schon schön, die urtypischen Effelner Geschichten zu hören. Heute sind auch kreative Wortbeiträge dabei, die eben nicht aus dem Witzebuch abgeschrieben sind und von innen heraus kommen. Aber charmant verpackter „Klatsch und Trasch“ aus dem Dorf, der keinen bloßstellt ist schon toll. Wenn man sich denkt, da ist jemand, wie z. B. der Ortsvorsteher, vollkommen getroffen oder die Atmosphäre von einer Thekengeschichte beim Schiller ist gut beschrieben, dann ist das klasse.
Aber man muss eben selbstverständlich aufpassen, dass da niemand zu empfindlich ist. Das ist dann jedoch – wie gesagt – vielleicht auch ein Wandel in der Gesellschaft.

Vor einigen Tagen haben wir gemeinsam mit den Aktiven und Freunden des örtlichen Karnevals ein Wortkonfetti erstellt. Wie würdest du den folgenden Satz mit drei Begriffen vervollständigen? „Der Karneval in Effeln ist …“

Da würde ich dann doch gerne vier Begriffe nehmen: erfrischend anders, handgemacht, immer wieder überraschend und jung geblieben.

Was genau meinst du mit jung geblieben?

Den Begriff muss ich noch dazunehmen, weil ich immer wieder überrascht bin, woher all die Akteure auf der Bühne kommen. Da sind immer wieder Nachwuchskräfte: neue Tänzerinnen, neue Büttenredner. Es gibt irgendwie keine Dellen. Das ist für mich im besten Sinne eine tolle Jugendarbeit seit all den Jahrzehnten.

Du begleitest die Karnevalisten der Gemeinde Anröchte auch am Rosenmontag in Belecke. Was magst du persönlich lieber, Sitzungskarneval oder Straßenkarneval?

Ich liebe den Sitzungskarneval in seiner Vielseitigkeit. Da gibt es so viele Punkte, auf die man sich freuen kann: das Elferratsstück, die Garde- und Showtänze. Man weiß einfach, wie viel Arbeit darin steckt. Unterhaltung ist ein schweres Geschäft und daher habe ich einfach einen ganz großen Respekt davor, dass Amateure – und das meine ich deshalb ausdrücklich positiv – ein vierstündiges Programm stemmen und die Leute so lange bei Laune halten.

Neben der Arbeit bewundere ich allerdings auch die Lockerheit, die sicherlich dazugehört. Es gab ja beispielsweise bei der Prinzengarde Situationen, da hatten die am Freitagsabend noch keinen Showtanz und samstags haben die Leute dann bei diesem Programmpunkt auf den Tischen gestanden.

Der Straßenkarneval ist für mich hingegen eine Art Aftershowparty für die Beteiligten. Dort können die Garden, die Fußgruppen und die Aktiven auf dem Wagen feiern. Da tragen dann nicht mehr so viele Verantwortung und so kann dann auch mal das Präsidium sagen: „Jetzt können wir feiern.“

Du bist als Teil des Effelner Karnevals sogar auf der Homepage verewigt. Dort steht, dass du Mitte der 1980er Jahre für eine Reportage die Prinzengarde für eine gesamte Session journalistisch begleitet hast. Es ist sogar zu lesen, dass du auch so manche Kiste Bier geschleppt haben sollst. Welche Gedanken verbindest du mit dieser Zeit?

Die Zeit war wirklich interessant. Nach dem Üben gab es häufig Spaß und manchmal haben bereits ausgeschiedene Prinzengardisten oder auch Damengardistinnen vorbeigeschaut. Und da konnte ich selbstverständlich nicht nur in den Kasten greifen, sondern habe selbst mal zwei, drei Schächtelchen mitgebracht.

Hast du die Kisten nur geschleppt oder hast du auch bei der Produktion von Leergut geholfen? Sprich: Darf man fragen, wie du nach den Übungsabenden nach Hause gekommen bist?

Grundsätzlich würde ich mich da gerne an die Pflichterklärung der Prinzengarde halten, in der es immer hieß: Aus diesen vier Wänden geht nichts raus. Aber ich kann vielleicht sagen, dass ich Glück hatte, manchmal eine Fahrgelegenheit nach Belecke bekommen zu haben. Und wenn das nicht ging, musste ich mich eben zurückhalten.

Wie kam es denn überhaupt zu der Idee, eine Reportage über die Prinzengarde zu machen?

Die Prinzengarde Effeln ist die einzige in der Gemeinde und hat somit ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Und ich wollte damals aufzeigen, wie viel Zeit darein fließt und wie häufig z. B. die Schrittfolgen trainiert werden müssen oder wie die dreistöckigen Pyramiden Stück für Stück aufgebaut werden. Insgesamt wollte ich also vermitteln, dass Karneval verdammt viel Arbeit ist und es beim Üben sogar mal Zoff geben konnte, wenn nicht alles lief.

Wenn man dich bei deiner Arbeit im närrischen Trubel beobachtet, ist stets zu erkennen, dass du Freude bei der Arbeit hast. Allerdings musst du deine Tätigkeit immer in Dienstkleidung verrichten. Wenn du in Zukunft einmal als normaler Gast zur Sitzung kommen kannst, was wäre dein favorisiertes Kostüm?

Ganz klar ein kunterbunter Clown mit weißem Gesicht, roter Nase und allem, was sich gehört. Das wollte ich immer mal machen.

Abgesehen von der Dienstkleidung bringt dein Beruf natürlich ein gewisses Privileg mit sich: die Reihe 0. Du bekommst selbstverständlich einen Platz unmittelbar vor der Bühne reserviert. Allerdings birgt dieser extraponierte Platz auch Gefahren. Gibt es Programmpunkte, bei denen du lieber Fotos aus der Ferne machst?

Nein, es ist nie etwas passiert. Ich werde zum Glück auch bei der Pyro gewarnt und habe mich immer an die Seite gestellt, wenn Gardisten umherflogen. Und da ich ganz gut über mich selbst lachen kann, habe ich auch bei Wortbeiträgen keine Angst.

Aber ich muss sagen, es gab schon eine Entwicklung ganz vorne vor der Bühne. Früher saß ich noch auf einem Fußbänkchen, das mir Hans-Werner Förster mitbrachte, vor der Bühne. Heute stehen dort für uns schon die reservierten Stühle bereit.

Wenn du in zivil „auf der Halle“ wärest: Würdest du eher an einem Tisch sitzen oder die Sitzung von der Theke aus verfolgen?

Ich würde immer den Sitzplatz wählen. Da bin ich etwas konservativ, da an der Theke mehr gequatscht wird, was ich gegenüber den Akteuren nicht so gut finde. Man ist an den Tischen einfach näher dran und kann der Bühne so mehr Aufmerksamkeit schenken. Nach dem Programm würde ich dann aber selbstverständlich auch an die Theke gehen.

Nun noch ein Blick darauf, was nach der Sitzung geschieht. Entstehen deine Artikel unmittelbar im Anschluss an so eine Veranstaltung, wenn die Eindrücke noch ganz frisch sind oder verfasst du sie ausgeschlafen und mit etwas Abstand am anderen Tag?

Das mache ich am Tag danach und kann das auch gut erklären. Wenn ich mich aus der Halle an den Rechner setzen würde, wäre ich vom Karneval so emotional aufgeladen, dass der Artikel längenmäßig eine Katastrophe würde, weil man dann natürlich alles einbauen möchte, z. B. Zitate, die in der Halle gut gezündet haben und bei denen das Publikum gelegen hat. Am nächsten Tag merkt man dann aber: Man muss es den Leuten erzählen, die nicht da waren, damit die etwas davon haben. Man muss selektieren, was man nimmt und was nicht. Manches lebt von der Atmosphäre oder dem Moment. Der Bericht muss lesbar bleiben und möglichst vieles auf 150 bis 180 Zeilen abbilden.

Ist es also schwieriger einen Bericht über Karneval zu schrieben als z. B. über eine Generalversammlung?

Das ist eine gute Frage. Karneval ist lustig und ich finde, man muss schon einen Draht dazu haben. Wenn ich z. B. in der Überschrift schreibe „Effeln stand kopf“, dann muss ich es auch begründen. Man kann das dann nicht so sachlich abhandeln. Andererseits muss ich einen Spagat schaffen zwischen dem Lustigen und dem Kriterium, dass es der Außenstehende versteht. Bonmots einbauen, die jeder versteht, ist schon komplizierter als über eine Generalversammlung zu berichten. Oder in wenigen Worten zu erläutern, was der Reiz am Tanz der Damengarde war, um somit kurz und knapp auf den Punkt zu bringen, warum man beim nächsten Mal zum Karneval hingehen sollte.

Bei so wenig Platz für so viel Programm kann natürlich nicht jeder gewürdigt werden. Nehmen es dir Leute krumm, wenn sie nicht erwähnt werden?

Bisher nicht und ich bemühe mich auch stets, dass die heimischen Akteure erwähnt werden. Bei der Berichterstattung stelle ich sie in den Vordergrund und weniger die Gäste. Das Prä muss meiner Meinung nach auf dem gastgebenden Verein liegen, auch wenn die Gäste sicherlich Erwähnung finden sollten.

Dein Arbeitgeber sitzt in Lippstadt. Schaut man aus der Redaktion eher irritiert darauf, dass sich fast ein ganzer Ort Urlaub nimmt, um sich zu kostümieren oder hast du den Eindruck, dass sie etwas neidisch zum Haarstrang hinaufblicken?

Von dort wird schon eher bewundernd die Haar hinaufgeblickt. Der Karneval läuft so noch nicht in Lippstadt, weil Karneval da nicht gewachsen ist. Karneval muss von innen heraus wachsen.Man kann nicht von heute auf morgen einen Elferrat gründen und ein Programm auf die Bühne stellen. Da muss man sich auf seine eigenen Kräfte besinnen, weil das den örtlichen Karneval ausmachen sollte.

Abschließend noch eine Frage: Möchtest du den Karnevalisten noch etwas mit auf den Weg geben?

Effeln lebt Karneval. Lebt weiterhin Karneval – mit allen besten Wünschen und gutem Gelingen. Alles andere kriegt ihr schon selbst hin.

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